Alle Turtles ist ein Produktstudio und eine Venture-Firma, die 2017 von Phil Libin, dem ehemaligen CEO von Evernote, gegründet wurde. Die Organisation konzentriert sich auf die Gründung und Skalierung von Unternehmen im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI) und kombiniert die Entwicklung eigener Produkte mit Investitionen in externe Startups. Sie arbeitet mit einer verteilten Belegschaft in Büros in San Francisco, Tokio, Paris und anderen Standorten und zielt darauf ab, praktische Probleme durch KI-Anwendungen zu lösen, anstatt Grundlagenforschung zu betreiben.
Das Modell des Studios umfasst die Identifizierung von Marktchancen, die Bildung von Teams und die Bereitstellung von operativer Unterstützung, Design- und Ingenieursressourcen. All Turtles hat mehrere Unternehmen gestartet, darunter den KI-gestützten Meeting-Assistenten meetgeek und den Chatbot für psychische Gesundheit woebot, wobei letzterer später als unabhängiges Unternehmen ausgegliedert wurde. Der Name „All Turtles“ leitet sich von einer Metapher über den Aufbau von Unternehmen ab, die „ganz nach unten“ gehen, und betont einen praxisnahen Ansatz bei der Unternehmensgründung.
Gründung und Führung
Phil Libin gründete All Turtles im März 2017, nachdem er als CEO von Evernote zurückgetreten war. Ihm schloss sich die Mitgründerin und Chief Operating Officer jessica-verrilli an, die zuvor bei Twitter und Google gearbeitet hatte. Das anfängliche Team umfasste Ingenieure und Designer von Evernote, slack und anderen Technologieunternehmen. Libins Vision war es, ein Studio zu schaffen, das KI-Produkte schnell prototypisieren und auf den Markt bringen kann, und dabei das traditionelle Risikokapitalmodell zu vermeiden, das nur in externe Gründer investiert.
Das Unternehmen sammelte eine erste Finanzierungsrunde von 50 Millionen US-Dollar von Investoren wie emerson-collective und mitsui-fudosan ein. Bis 2018 war All Turtles auf über 100 Mitarbeiter in seinen globalen Büros angewachsen. Die Führung des Studios betonte eine Kultur des Experimentierens, wobei Projekte vierteljährlich auf Fortführung oder Einstellung bewertet wurden.
Geschäftsmodell
All Turtles agiert als Hybrid zwischen einem Startup-Inkubator und einem Venture-Fonds. Es stellt Startkapital bereit, typischerweise zwischen 1 Million und 5 Millionen US-Dollar pro Projekt, im Austausch gegen Eigenkapital. Das Studio bietet gemeinsame Dienste wie Recht, Personalwesen, Marketing und Infrastruktur an, sodass sich die Gründungsteams auf die Produktentwicklung konzentrieren können. Im Gegensatz zu traditionellen Acceleratoren behält All Turtles einen größeren Eigentumsanteil, oft zwischen 40 % und 60 %, was seine aktive Rolle beim Aufbau des Unternehmens widerspiegelt.
Das Studio betreibt auch ein Accelerator-Programm für externe Startups mit einem 12-wöchigen Lehrplan und Zugang zu seinem Netzwerk. Die Einnahmen stammen aus Eigenkapitalgewinnen bei Exits sowie aus Beratungsgebühren für KI-Integrationsprojekte mit etablierten Unternehmen. Bis 2020 hatte All Turtles 15 Unternehmen gestartet, von denen zwei eine Übernahme oder bedeutende Finanzierungsrunden erreichten.
Wichtige Produkte und Unternehmen
Eines der frühesten Produkte von All Turtles war meetgeek, ein KI-Assistent, der Besprechungen automatisch transkribiert und zusammenfasst. Es wurde 2018 eingeführt, integrierte sich in zoom und microsoft-teams und nutzte Verarbeitung natürlicher Sprache, um Aktionspunkte zu extrahieren. Meetgeek gewann bei kleinen Unternehmen an Bedeutung und erreichte innerhalb des ersten Jahres 10.000 Nutzer.
Ein weiteres bemerkenswertes Unternehmen war woebot, ein Chatbot für psychische Gesundheitsunterstützung, der auf kognitiver Verhaltenstherapie basiert. Ursprünglich 2017 innerhalb von All Turtles entwickelt, wurde es später ein unabhängiges Unternehmen, Woebot Health, das in späteren Finanzierungsrunden über 100 Millionen US-Dollar einwarb. Weitere Projekte umfassten cove, ein Tool zur Automatisierung des Kundenservice, und hubble, eine Datenanalyseplattform für E-Commerce.
Im Jahr 2019 startete All Turtles ai-for-good, eine gemeinnützige Initiative, um KI auf soziale Herausforderungen wie Katastrophenhilfe und Bildung anzuwenden. Dieses Programm arbeitete mit akademischen Institutionen und NGOs zusammen, blieb jedoch ein kleiner Teil des gesamten Portfolios des Studios.
KI-Ansatz und Technologie
Der technische Ansatz des Studios betont praktische maschinelle Lernanwendungen gegenüber Spitzenforschung. Die Teams verwenden bestehende Frameworks wie TensorFlow und PyTorch, um Modelle für Verarbeitung natürlicher Sprache, Computersehen und prädiktive Analytik zu erstellen. All Turtles entwickelt keine proprietären Algorithmen oder Basismodelle, sondern konzentriert sich auf Produkt-Markt-Passung und Benutzererfahrung.
Projekte nutzen oft Transferlernen und vortrainierte Modelle von OpenAI und Google DeepMind, um die Entwicklung zu beschleunigen. Das Studio unterhält eine gemeinsame Codebasis und Dateninfrastruktur, sodass Teams Komponenten wie Datenanreicherungs-Pipelines und Modellbereinigungs-Dienstprogramme wiederverwenden können. Dieser modulare Ansatz verkürzt die Zeit bis zur Markteinführung, wobei typische Projekte in weniger als sechs Monaten vom Konzept zur Beta-Version gelangen.
Verteilte Arbeitskultur
All Turtles war ein früher Anwender vollständig remote basierter Arbeit, mit Mitarbeitern über Zeitzonen in den USA, Europa und Asien verteilt. Das Unternehmen nutzte slack für die Kommunikation und asana für das Projektmanagement und hielt tägliche Stand-up-Meetings per Videokonferenz ab. Dieses verteilte Modell ermöglichte es dem Studio, Talente ohne Umzugskosten einzustellen und rund um die Uhr an Entwicklungszyklen zu arbeiten.
Die Kultur betonte Autonomie und Verantwortlichkeit, wobei jedes Venture-Team erhebliche Entscheidungsbefugnisse hatte. All Turtles veranstaltete auch eine jährliche „TurtleCon“-Konferenz, die Mitarbeiter und externe Partner für Workshops und Demos zusammenbrachte. Im Jahr 2020 bestätigte die COVID-19-Pandemie den Remote-First-Ansatz, da die Infrastruktur des Studios nur minimale Anpassungen erforderte.
Finanzierung und Finanzen
All Turtles sicherte sich seine anfänglichen 50 Millionen US-Dollar von einer Gruppe von Investoren, darunter emerson-collective, mitsui-fudosan und mehrere nicht genannte Family Offices. Im Jahr 2019 sammelte es weitere 30 Millionen US-Dollar in einer Serie-A-Runde unter der Leitung von Horizons Ventures. Das Finanzmodell des Studios basiert auf Exits, wobei der erste große Erfolg der Verkauf von meetgeek an cisco im Jahr 2021 für einen nicht genannten Betrag war, der Berichten zufolge im zweistelligen Millionenbereich lag.
Bis 2023 hatte All Turtles in über 20 Unternehmen investiert, mit einer kombinierten Bewertung von über 500 Millionen US-Dollar. Das Studio hat jedoch seine interne Rendite oder Gesamtrentabilität nicht offengelegt. Einige Unternehmen wie cove wurden eingestellt, nachdem sie keine Traktion erlangten, was das hohe Risiko des Studiomodells widerspiegelt.
Partnerschaften und Ökosystem
All Turtles hat mit mehreren Technologieunternehmen zusammengearbeitet, um KI in bestehende Produkte zu integrieren. Im Jahr 2018 ging es eine Partnerschaft mit Salesforce ein, um KI-gestützte Kundenbeziehungstools zu entwickeln, obwohl das Projekt nach einem Jahr eingestellt wurde. Das Studio arbeitete auch mit IBM Watson an Gesundheitsanwendungen und mit NVIDIA an GPU-optimiertem Modelltraining.
Akademisch hat All Turtles Forschung am MIT CSAIL und Stanford AI Lab gesponsert, mit Schwerpunkt auf Mensch-KI-Interaktion. Diese Partnerschaften boten Zugang zu Spitzenforschung und gaben Akademikern gleichzeitig reale Einsatzkontexte. Das Studio nahm auch am Early-Access-Programm von OpenAI für dessen API teil und nutzte es, um konversationelle Agenten zu prototypisieren.
Kontroversen und Kritik
Das Studiomodell wurde von einigen Risikokapitalgebern kritisiert, die argumentieren, dass große Eigenkapitalanteile Top-Gründer abschrecken. Darüber hinaus wird der schnelle Prototyping-Ansatz beschuldigt, Geschwindigkeit über Qualität zu stellen, was zu Produkten mit oberflächlicher KI-Integration führt. Im Jahr 2019 stellte ein Bericht von techcrunch fest, dass mehrere Unternehmen von All Turtles mehrfach umgeschwenkt waren, was Fragen zur strategischen Ausrichtung aufwarf.
Auch Datenschutzbedenken sind aufgetreten, insbesondere hinsichtlich der Datenverarbeitungspraktiken von meetgeek. Das Unternehmen sah sich 2020 einer Beschwerde der electronic-frontier-foundation wegen möglicher Verstöße gegen die gdpr beim Aufzeichnen von Besprechungen ohne ausdrückliche Zustimmung gegenüber. All Turtles reagierte, indem es seine Einwilligungsmechanismen aktualisierte und die Datenaufbewahrungsfristen begrenzte.
Vermächtnis und Auswirkungen
All Turtles hat zum Wachstum des KI-Startup-Ökosystems beigetragen, indem es eine Alternative zum traditionellen Risikokapital demonstrierte. Sein verteiltes Arbeitsmodell beeinflusste andere Unternehmen, insbesondere während der Pandemie. Der Fokus des Studios auf praktische KI-Anwendungen half, die Lücke zwischen akademischer Forschung und kommerzieller Bereitstellung zu schließen, obwohl es keine bahnbrechenden Technologien hervorgebracht hat, die mit denen von OpenAI oder Google DeepMind vergleichbar sind.
Bis 2024 operiert All Turtles weiterhin, mit einem kleineren Portfolio als auf seinem Höhepunkt. Das Studio hat sich hin zu selektiveren Investitionen verlagert, mit Fokus auf KI für Unternehmenseffizienz und Klimatechnologie. Seine langfristigen Auswirkungen bleiben abzuwarten, aber es hat eine Vorlage für Produktstudios im KI-Bereich etabliert.
Siehe auch
- künstliche Intelligenz
- maschinelles Lernen
- Startup-Inkubator
- Risikokapital