Der Rechtsstreit The New York Times gegen OpenAI ist eine Urheberrechtsklage, die von der New York Times Company gegen OpenAI und Microsoft im Dezember 2023 eingereicht wurde. Der Fall dreht sich um die angebliche unbefugte Nutzung von Millionen urheberrechtlich geschützter Zeitungsartikel zum Training großer Sprachmodelle, die ChatGPT und andere Produkte antreiben. Die Zeitung fordert Schadensersatz in Milliardenhöhe und verlangt die Vernichtung von KI-Modellen und Datensätzen, die ihre Inhalte enthalten oder daraus abgeleitet sind. Stand 2025 ist der Rechtsstreit vor dem United States District Court für den Southern District of New York weiterhin anhängig, mit einem Verhandlungstermin für Ende 2025 oder Anfang 2026.
Hintergrund: Generative KI und Urheberrecht
Der Aufstieg von generativer KI auf der Grundlage von großen Sprachmodellen schuf eine neue Grenze im Urheberrecht. Diese Systeme, die auf Transformer-Architekturen basieren, verarbeiten riesige Textkorpora, die aus dem Internet gesammelt wurden, darunter Nachrichtenartikel, Bücher und Websites. Der OpenAI-ChatGPT, erstmals im November 2022 veröffentlicht, zeigte die Fähigkeit, menschenähnliche Antworten zu erzeugen, wobei oft urheberrechtlich geschützter Text reproduziert oder eng paraphrasiert wurde. Dieses Verhalten warf rechtliche Fragen auf, ob das Training von KI auf urheberrechtlich geschütztem Material eine faire Nutzung oder eine einklagbare Verletzung darstellt. Mehrere Klagen folgten von Autoren und Rechteinhabern, aber der Fall der Times wurde aufgrund seines Umfangs und der Beteiligung großer Technologiekonzerne der prominenteste.
Parteien und rechtliche Ansprüche
Der Kläger, die New York Times Company, ist eine große US-amerikanische Zeitung mit einer Geschichte energischer Durchsetzung von Urheberrechten. Zu den Beklagten gehören OpenAI und sein kommerzieller Partner Microsoft, der Cloud-Infrastruktur und exklusives Cloud-Hosting für die Produkte von OpenAI bereitstellte. Ebenfalls genannt wird Microsofts GitHub Copilot, obwohl der Hauptfokus auf ChatGPT und den zugrunde liegenden Modellen bleibt.
In seiner Beschwerde, die am 27. Dezember 2023 bei dem Southern District of New York eingereicht wurde, machte die Times mehrere Ansprüche geltend: direkte Urheberrechtsverletzung, Beitragende Verletzung, mittelbare Verletzung und unlauterer Wettbewerb nach dem Lanham Act. Die Times behauptete, dass OpenAI und Microsoft Millionen ihrer Artikel ohne Erlaubnis kopiert, sie zum Training von Modellen verwendet und es den Modellen ermöglicht hätten, Ausgaben zu erzeugen, die den Originaltext "memorieren", "wiederkäuen" oder paraphrasieren, oft unter Entfernung der Zuschreibung. Die Beschwerde enthielt Dutzende Beispiele, in denen ChatGPT nahezu wörtliche Auszüge aus Times-Artikeln produzierte, manchmal einschließlich ganzer Absätze.
Die Zeitung forderte gesetzlichen Schadensersatz von bis zu 150.000 US-Dollar pro verletztem Werk, was angesichts der Anzahl der betroffenen Artikel Milliarden betragen könnte. Sie verlangte auch die Löschung oder Vernichtung aller Trainingsdaten und Modelle, die ihre urheberrechtlich geschützten Inhalte enthielten, sowie eine einstweilige Verfügung, die eine zukünftige Nutzung verhindert.
Antwort von OpenAI und Microsoft
OpenAI und Microsoft reichten im Februar 2024 Anträge auf Abweisung ein und argumentierten, dass die Nutzung urheberrechtlich geschützten Materials für das Training eine faire Nutzung nach US-Urheberrecht darstelle. Sie behaupteten, dass die Modelle den Inhalt in neue, nicht-expressive Strukturen statistischer Beziehungen transformieren und dass die fraglichen Ausgaben entweder rechtmäßige Zusammenfassungen oder das Ergebnis von Benutzeraufforderungen seien, die die Reproduktion ausgelöst hätten. Sie argumentierten auch, dass die Behauptungen der Times über "Memorisierung" übertrieben seien und dass das Unternehmen keinen tatsächlichen Schaden nachgewiesen habe.
In ihren rechtlichen Schriftsätzen merkten die Beklagten an, dass die Times keinen Rückgang der Leserschaft speziell aufgrund von KI erlitten habe und dass die Zeitung selbst mit der Nutzung KI-generierter Inhalte experimentiert habe. Sie wiesen auf die Branchenpraxis des Web-Scrapings als üblich hin. Die Anträge auf Abweisung waren teilweise erfolgreich: Im September 2024 wies Richter Sidney H. Stein Ansprüche im Zusammenhang mit mittelbarer Verletzung ab, ließ jedoch die Ansprüche auf direkte Verletzung und Beitragende Verletzung zu. Der Anspruch nach dem Lanham Act wegen falscher Unterstützung wurde ebenfalls abgewiesen, wobei das Gericht der Times nahelegte, erneut einzureichen.
Zentrale rechtliche Fragen und Präzedenzfälle
Der Fall berührt mehrere ungeklärte Doktrinen. Die zentrale Frage ist, ob das Training auf urheberrechtlich geschützten Werken unter dem Vier-Faktoren-Test der fairen Nutzung transformativ ist, der den Zweck der Nutzung, die Natur des Werks, die Menge der Nutzung und die Auswirkung auf den Markt untersucht. Gerichte haben historisch entschieden, dass einige Arten digitaler Reproduktion, wie Googles Buchscan-Projekt, als faire Nutzung gelten. Die Times argumentiert jedoch, dass generative KI sich unterscheidet, weil ihre Ausgaben direkt mit den Originalartikeln konkurrieren können, was möglicherweise Abonnement-Einnahmen und Lizenzmöglichkeiten reduziert.
Ein weiteres Thema ist das Phänomen der "Memorisierung". Forschung hat gezeigt, dass große Sprachmodelle Trainingsdaten rekonstruieren können, wenn sie dazu aufgefordert werden, insbesondere bei obskurem oder wiederholtem Text. Die Times dokumentierte Fälle, in denen ChatGPT ihre Artikel fast wörtlich reproduzierte, was darauf hindeutet, dass das Modell den Inhalt nicht vollständig transformiert hatte. OpenAI hielt fest, dass solche Ausgaben selten seien und dass technische Maßnahmen implementiert wurden, um längere Reproduktionen zu verhindern.
Breitere Auswirkungen auf die KI-Branche
Die Klage hat erhebliche Auswirkungen auf das breitere KI-Ökosystem. Viele Unternehmen, darunter Anthropic, Google DeepMind und Apple, sind mit ähnlichen Klagen konfrontiert oder haben Lizenzvereinbarungen mit Verlagen abgeschlossen. Das Ergebnis könnte einen Präzedenzfall dafür schaffen, ob KI-Unternehmen eine Erlaubnis einholen und für Trainingsdaten zahlen müssen oder weiterhin frei das Web durchsuchen können.
Als Reaktion auf den Rechtsstreit haben mehrere Medienorganisationen Vereinbarungen mit OpenAI und anderen Unternehmen unterzeichnet. Beispielsweise haben die Associated Press, Axel Springer und News Corp Berichten zufolge Lizenzvereinbarungen abgeschlossen, während andere wie National Public Radio und die Chicago Tribune Alternativen erkundet haben. Der Fall könnte den Trend zur Inhaltslizenzierung beschleunigen, da KI-Firmen versuchen, rechtliche Risiken zu reduzieren. Umgekehrt könnte ein Urteil zugunsten der Times einen grundlegenden Wandel in der Zusammenstellung von Trainingsdatensätzen erzwingen, was die Kosten für Startups und kleinere Akteure erhöhen könnte.
Rechtliche Verfahren und Zeitplan
Der Fall hat sich durch die Vorverfahrensphasen bewegt. Im Jahr 2024 führten die Parteien umfangreiche Beweisaufnahmen durch, wobei das Gericht OpenAI anordnete, Trainingsdatenprotokolle und interne Kommunikation vorzulegen. Die Times erhielt auch Aufzeichnungen, die zeigten, dass OpenAI-Mitarbeiter Bedenken hinsichtlich der Nutzung urheberrechtlich geschützten Materials ohne Erlaubnis hatten. Im November 2024 lehnte das Gericht einen Antrag der Times ab, zusätzliche Ansprüche im Zusammenhang mit Microsofts Copilot aufzunehmen, erlaubte jedoch Änderungen an der Beschwerde.
Eine bemerkenswerte Entwicklung ereignete sich im Februar 2025, als Richter Stein einen Zeitplan genehmigte, der den Prozess für den 15. Dezember 2025 festlegte. Er lehnte auch einen Antrag von OpenAI ab, den Prozess bis zu einem verwandten Fall im Second Circuit zu verschieben, der eine separate Autorenklage betrifft. Der Prozess wird voraussichtlich mehrere Wochen dauern und wird wahrscheinlich Sachverständigenaussagen zu KI-Technologie und Wirtschaft umfassen.
Wirtschaftliche und strategische Überlegungen
Für die Times geht es bei der Klage nicht nur um Schadensersatz. Sie stellt eine Verteidigung ihres Journalismus dar und einen Vorstoß, einen Lizenzmarkt für Nachrichteninhalte zu etablieren, die von KI genutzt werden. Die Zeitung hat argumentiert, dass KI-Chatbots traditionelle Suche und direkten Nachrichtenkonsum ersetzen könnten, was ihr Abonnementmodell untergräbt. Sie schätzt auch ihre Marke und erwartet eine Zuschreibung, wenn ihre Berichterstattung verwendet wird.
OpenAI hat unterdessen stark in die rechtliche Verteidigung investiert, prominente Anwaltskanzleien und externe Experten engagiert. Das Unternehmen hat auch Öffentlichkeitsarbeit betrieben und Papiere zu Urheberrecht und fairer Nutzung veröffentlicht. Microsoft, als großer Aktionär und Infrastrukturanbieter, hat ein eigenes Rechtsteam, hat sich jedoch weitgehend der Strategie von OpenAI angeschlossen. Die finanziellen Einsätze sind hoch: Wenn die Times gewinnt, könnte sie Milliarden an gesetzlichem Schadensersatz fordern, und ein Urteil gegen die Beklagten könnte eine Welle von Folgeklagen anderer Verlage auslösen.
Branchenreaktionen und verfassungsrechtlicher Kontext
Die Reaktionen sind geteilt. Viele Wissenschaftler und KI-Forscher argumentieren, dass das Training auf urheberrechtlich geschütztem Text notwendig ist, um das Feld voranzubringen, und dass übermäßig restriktive Urteile Innovation behindern würden. Andere, darunter Journalisten und Autoren, unterstützen die Times und betrachten den Fall als wesentlich für den Schutz kreativer Lebensgrundlagen. Das US-Urheberrechtsamt hat sich geäußert und Richtlinien herausgegeben, die die Komplexität anerkennen, sich jedoch endgültiger Entscheidungen zum KI-Training enthalten.
Der Fall berührt auch Überlegungen zum Ersten Verfassungszusatz, da KI-generierte Inhalte auf der Aufnahme von Nachrichten beruhen, um Informationen bereitzustellen. Der Oberste Gerichtshof hat diese Fragen noch nicht behandelt, sodass die Bezirksgerichte unerforschtes Terrain navigieren müssen. Einige haben Parallelen zu den wegweisenden Fällen des Internetzeitalters gezogen, wie Sony gegen Universal und Authors Guild gegen Google, die technologischen Fortschritt mit Urheberrechtsschutz in Einklang brachten.
Was auf dem Spiel steht
Wenn das Gericht entscheidet, dass die Nutzung der Artikel der Times keine faire Nutzung ist, könnte es die Vernichtung bestimmter OpenAI-Modelle anordnen oder ein Lizenzsystem verlangen. Ein solches Ergebnis könnte KI-Unternehmen zwingen, sich auf gemeinfreie oder ausdrücklich lizenzierte Daten zu stützen, was die Entwicklung verlangsamen, aber ein neues Geschäft für Inhaltsersteller schaffen könnte. Umgekehrt würde ein Urteil zur fairen Nutzung die aktuellen Praktiken vieler KI-Labore bestätigen, obwohl es freiwillige Vereinbarungen nicht ausschließen würde.
Stand Ende 2025 hat der Prozess noch nicht begonnen, und beide Seiten haben Bereitschaft zur Einigung signalisiert. OpenAI hat Inhalte von anderen Verlagen lizenziert, was auf eine Verhandlungsbereitschaft hindeutet. Die Times hat jedoch ihre Entschlossenheit bekundet, zu klagen, und argumentiert, dass Lizenzen allein die "existenzielle Bedrohung" durch KI nicht lösen würden. Der Fall bleibt einer der meistbeachteten an der Schnittstelle von Recht und Technologie, mit Auswirkungen auf die Zukunft des Journalismus und der digitalen Wirtschaft.