Aus dem Englischen übersetzt

Die New York Times reichte im Dezember 2023 eine Urheberrechtsklage gegen OpenAI und Microsoft ein, in der sie die unbefugte Nutzung ihrer Artikel zum Training großer Sprachmodelle behauptete. Der Fall ist eine wegweisende rechtliche Herausforderung für die Grundlagen der generativen KI.

Der Fall The New York Times Company gegen Microsoft Corporation und OpenAI, Inc. ist eine richtungsweisende Urheberrechtsklage, die am 27. Dezember 2023 beim United States District Court for the Southern District of New York eingereicht wurde. Die Klage wirft OpenAI und dessen Hauptinvestor Microsoft vor, Millionen urheberrechtlich geschützter Nachrichtenartikel der New York Times ohne Erlaubnis oder Vergütung zum Training ihrer großen Sprachmodelle verwendet zu haben, wodurch das Urheberrecht verletzt und das Geschäftsmodell der Zeitung bedroht werde. Der Fall gilt weithin als entscheidender Test dafür, wie das Recht des geistigen Eigentums auf generative KI-Systeme und deren zugrunde liegende Trainingsdaten anzuwenden ist.

Die Klage zielt darauf ab, die Beklagten für das haftbar zu machen, was die Times als „rechtswidriges Kopieren und Verwenden der einzigartig wertvollen Werke der Times“ beschreibt. Sie fordert gesetzliche Schadensersatzzahlungen von bis zu 150.000 US-Dollar pro verletztem Werk, eine einstweilige Verfügung gegen die weitere Nutzung von Times-Inhalten sowie die Vernichtung aller Datensätze oder Modelle, die diese Inhalte enthalten. Die Einreichung erfolgte, nachdem monatelange Verhandlungen zwischen der Zeitung und OpenAI laut zeitgenössischen Berichten keine Lizenzvereinbarung hervorgebracht hatten.

Hintergrund und Kontext

Der Streit entsteht aus dem rasanten Fortschritt von Systemen der künstlichen Intelligenz, insbesondere von Deep-Learning-Modellen auf Basis der Transformer-Architektur. OpenAI, 2015 als gemeinnütziges Forschungslabor gegründet und später mit einem gewinnorientierten Zweig umstrukturiert, veröffentlichte 2020 GPT-3 und im November 2022 ChatGPT. Diese Systeme werden mit riesigen Textkorpora trainiert, die aus dem Internet gesammelt wurden, darunter Nachrichtenartikel, Bücher und anderes urheberrechtlich geschütztes Material.

Die 1851 gegründete New York Times betreibt seit langem eine Paywall und ein digitales Abonnementgeschäft und meldete bis Ende 2023 über 10 Millionen Abonnenten. Die Zeitung argumentierte, dass ihr Journalismus ein wertvolles, proprietäres Gut sei und dass die freie Nutzung durch KI-Unternehmen ihre Fähigkeit untergrabe, Produktionskosten wieder hereinzuholen. Die Times wies auch darauf hin, dass KI-Chatbots Teile von Artikeln „auswendig lernen“ und reproduzieren könnten, was möglicherweise in direkter Konkurrenz zu den eigenen Vertriebskanälen der Zeitung stehe.

Rechtliche Ansprüche und Argumente

Die Beschwerde macht mehrere Klagegründe geltend, darunter direkte Urheberrechtsverletzung, mittelbare Verletzung (contributory infringement) und Haftung für fremdes Verschulden (vicarious infringement). Die Times führte Dutzende Beispiele an, in denen ChatGPT und andere OpenAI-Produkte angeblich nahezu wörtliche Auszüge aus ihren Artikeln reproduzierten, darunter eine Untersuchung von 2019 zu Taxi-Medallion-Darlehen und ein Stück von 2020 über die COVID-19-Pandemie. Die Zeitung argumentierte, dass solche Ausgaben belegen, dass die Modelle mit ihren Inhalten trainiert wurden und dass die Reproduktion nicht transformativ sei.

OpenAI und Microsoft antworteten in Gerichtsdokumenten, dass ihre Nutzung urheberrechtlich geschützten Materials unter die Doktrin der „fairen Nutzung“ falle, die eine begrenzte Nutzung für Zwecke wie Kritik, Kommentar, Nachrichtenberichterstattung, Lehre oder Forschung erlaubt. Sie argumentierten, dass das Training mit großen Datensätzen ein transformativer Prozess sei, der die Originalwerke nicht ersetze, sondern neue, nicht-expressive statistische Repräsentationen schaffe. Microsoft, das bis Anfang 2023 über 13 Milliarden US-Dollar in OpenAI investiert hatte, reichte im Februar 2024 einen Antrag auf Klageabweisung ein und behauptete, die Times habe keinen spezifischen Schaden nachgewiesen.

Die Times konterte, dass die faire Nutzung eine enge Ausnahme sei und dass der kommerzielle Umfang der OpenAI-Aktivitäten in Verbindung mit der direkten Konkurrenz durch KI-generierte Zusammenfassungen gegen eine Feststellung der fairen Nutzung spreche. Rechtswissenschaftler merkten an, dass der Fall Präzedenz dafür schaffen könnte, wie Gerichte den „Zweck und Charakter“ des KI-Trainings interpretieren, eine Frage, die in der US-Rechtsprechung weiterhin ungeklärt ist.

Wichtige Ereignisse und Zeitplan

  • 27. Dezember 2023: Die Times reichte ihre Beschwerde beim Southern District of New York ein und benannte sowohl OpenAI als auch Microsoft als Beklagte.
  • Januar 2024: OpenAI erklärte öffentlich, es sei von der Klage „überrascht und enttäuscht“ und verwies auf produktive Gespräche mit der Times. Das Unternehmen begann außerdem, Website-Betreibern eine Opt-out-Mechanik anzubieten, die nicht wollten, dass ihre Inhalte in zukünftigen Trainings verwendet werden.
  • Februar 2024: Microsoft reichte einen Antrag auf Klageabweisung ein und argumentierte, die Ansprüche der Times seien spekulativ und das Unternehmen habe keine direkte Rolle beim Training der Modelle gespielt.
  • April 2024: Das Gericht wies den Antrag von Microsoft auf Abweisung teilweise ab und ließ die Klage in mehreren Anklagepunkten fortbestehen. Der zuständige Richter Sidney H. Stein ordnete an, dass beide Parteien in die Beweisaufnahme (Discovery) eintreten.
  • Juni 2024: OpenAI reichte einen eigenen Antrag auf summarisches Urteil ein und behauptete, die Times könne nicht nachweisen, dass bestimmte Artikel in einer Weise reproduziert wurden, die einen Marktschaden verursachte. Die Times widersprach und verwies auf interne OpenAI-Kommunikation, die die Notwendigkeit einer Lizenzierung von Inhalten anerkannte.
  • Oktober 2024: Das Gericht hielt eine vorläufige Anhörung zu Streitigkeiten in der Beweisaufnahme ab, insbesondere zum Zugang zu den Trainingsdatensätzen von OpenAI. Die Times forderte detaillierte Aufzeichnungen darüber, welche Artikel im Training enthalten waren, während OpenAI argumentierte, dass solche Informationen ein Geschäftsgeheimnis seien.
  • Stand Anfang 2025: Der Fall befand sich weiterhin in der Beweisaufnahmephase, ohne dass ein Verhandlungstermin festgelegt worden war. Beide Parteien reichten weiterhin Anträge und Sachverständigenberichte ein.

Breitere Implikationen

Die Klage ist Teil einer Welle rechtlicher Schritte gegen KI-Unternehmen. Im Jahr 2023 reichten Autoren wie Sarah Silverman und George R.R. Martin Sammelklagen gegen OpenAI und Meta mit ähnlichen Behauptungen ein. Getty Images verklagte Stability AI in Großbritannien und den USA wegen der Nutzung seiner Fotos in Trainingsdaten. Der Fall der Times ist bemerkenswert, weil er eine große Nachrichtenorganisation mit erheblichen rechtlichen Ressourcen und einem klaren finanziellen Interesse am Ausgang betrifft.

Der Ausgang könnte die Ökonomie der Entwicklung des maschinellen Lernens beeinflussen. Wenn die Times obsiegt, könnten KI-Unternehmen gezwungen sein, Inhalte von Verlagen zu lizenzieren, was die Branche umgestalten könnte. Umgekehrt könnte ein Urteil zugunsten von OpenAI die Praxis legitimieren, auf öffentlich zugänglichen Texten zu trainieren, was das Wachstum von OpenAI und Wettbewerbern wie Anthropic und Google DeepMind möglicherweise beschleunigen würde.

Nachrichtenorganisationen haben unterschiedlich reagiert. Einige, wie die Associated Press und Axel Springer, haben Lizenzverträge mit OpenAI unterzeichnet. Andere, darunter die Times, haben den Rechtsweg gewählt. Der Fall hat auch Diskussionen über die Notwendigkeit neuer Gesetze angestoßen, wobei einige Gesetzgeber ein „Notice-and-Opt-out“-Regime für KI-Training vorschlagen.

Technische und ethische Dimensionen

Der Fall wirft Fragen darüber auf, wie neuronale Netze Informationen speichern und abrufen. Forscher haben gezeigt, dass große Sprachmodelle lange Textpassagen auswendig lernen können, insbesondere wenn diese Passagen mehrfach in den Trainingsdaten vorkommen. Die Times argumentierte, dass ihre Artikel, die weit verbreitet syndiziert und zitiert werden, in den Datensätzen von OpenAI wahrscheinlich überrepräsentiert sind, was das Risiko wörtlicher Reproduktion erhöht.

Ethische Debatten konzentrieren sich darauf, ob KI-Unternehmen eine moralische Verpflichtung haben, Inhalteersteller zu entschädigen. Befürworter der fairen Nutzung argumentieren, dass das Training analog zum Lesen und Lernen eines Menschen aus Artikeln sei, während Kritiker behaupten, dass der Umfang und die kommerzielle Natur des KI-Trainings grundlegend anders seien. Der Fall hat auch den Mangel an Transparenz beim KI-Training hervorgehoben, da die meisten Unternehmen ihre vollständigen Datenquellen nicht öffentlich offenlegen.

Reaktionen und Kommentare

Rechtsexperten haben unterschiedliche Prognosen abgegeben. Einige, wie der Stanford-Rechtsprofessor Mark Lemley, argumentierten, dass KI-Training wahrscheinlich als faire Nutzung eingestuft werde, und verwiesen auf Präzedenzfälle wie den Google-Books-Fall. Andere, darunter die Urheberrechtswissenschaftlerin Pamela Samuelson, merkten an, dass die Beweise der Times für direkte Konkurrenz das Pendel ausschlagen lassen könnten. Das MIT Computer Science and Artificial Intelligence Laboratory und das Stanford AI Lab haben beide Symposien zu dem Fall veranstaltet, was seine akademische Bedeutung widerspiegelt.

OpenAI-CEO Sam Altman hat öffentlich erklärt, dass das Unternehmen bereit sei, für Inhalte zu zahlen, aber glaubt, dass der derzeitige Rechtsrahmen unklar sei. In einem Interview im März 2024 sagte er: „Wir wollen gute Partner für Verlage sein. Die Frage ist, was ein fairer Preis ist.“ Die Times ihrerseits hat betont, dass ihr Hauptziel darin bestehe, ihren Journalismus zu schützen und einen Präzedenzfall für die Branche zu schaffen.

Aktueller Stand und Zukunftsaussichten

Stand Ende 2024 war der Fall nicht abgeschlossen. Beide Seiten haben umfangreiche Antragsverfahren betrieben, und das Gericht hat noch nicht über die zentrale Frage der fairen Nutzung entschieden. Einige Beobachter erwarten, dass der Fall angesichts seiner nationalen Bedeutung den Obersten Gerichtshof erreichen könnte. In der Zwischenzeit hat OpenAI weiterhin Inhalteverträge mit anderen Verlagen abgeschlossen, darunter News Corp und die Financial Times, was darauf hindeutet, dass sich die Branche unabhängig vom Ausgang des Rechtsstreits in Richtung eines Lizenzmodells bewegt.

Die Times hat auch parallele Maßnahmen ergriffen, darunter eine Beschwerde beim britischen Information Commissioner's Office zu Datenschutzfragen. Das Unternehmen hat erklärt, dass es weiterhin in eigene KI-Fähigkeiten investieren werde, einschließlich einer Partnerschaft mit Google Cloud für Datenanalysen, bleibt aber dem Rechtsstreit verpflichtet.

Fazit

Der Fall New York Times gegen OpenAI stellt einen kritischen Wendepunkt in der Beziehung zwischen Medien und künstlicher Intelligenz dar. Seine Lösung wird wahrscheinlich nicht nur die beteiligten Parteien beeinflussen, sondern auch das breitere Ökosystem der Entwicklung künstlicher Intelligenz, der Inhaltslizenzierung und des Urheberrechts. Da sich die Technologie weiterentwickelt, könnten die in diesem Fall festgelegten rechtlichen Grundsätze als Fundament für zukünftige Streitigkeiten dienen, was ihn zu einem der am genauesten beobachteten Rechtsstreitigkeiten des Jahrzehnts macht.

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